Baukultur und Grundversorgung gemeinsam denken – Erkenntnisse aus der Veranstaltung Baukultur & Grundversorgung


Wie bleiben Dorfzentren lebendig? Diese Frage steht im Zentrum der Veranstaltung «Baukultur & Grundversorgung – Best Practices weiterdenken, Projekte starten, Netzwerke aufbauen», vom 24. Juni 2026 im Berner 
Generationenhaus. Vertreterinnen und Vertreter aus Gemeinden, Infrastrukturunternehmen, Planung, Politik und Forschung diskutieren gemeinsam darüber, wie räumliche Qualität, öffentliche Dienstleistungen und lokales Engagement zusammenspielen müssen, um ländliche Gemeinden zukunftsfähig zu machen.
Die Veranstaltung zeigt eindrücklich: Baukultur ist weit mehr als Architektur. Sie beschreibt die Art und Weise, wie Gebäude, öffentliche Räume, Infrastrukturen und Nutzungen gemeinsam Lebensqualität schaffen und gesellschaftliche Entwicklungen unterstützen.

Baukultur beginnt bei den Menschen

Den Auftakt macht Mathias Müller, Stadtpräsident von Lichtensteig. Anhand der Entwicklung der Wakkerpreis-Gemeinde zeigt er, dass attraktive historische Gebäude allein keine lebendigen Ortszentren schaffen. Erst eine langfristige Strategie, konsequente Beteiligung und die Bereitschaft, bestehende Gebäude neu zu denken, ermöglichen nachhaltige Veränderungen.
Lichtensteig versteht Leerstände nicht als Zeichen des Niedergangs, sondern als Entwicklungspotenzial. Ehemalige Verwaltungsgebäude, Industrie- und Postgebäude werden Schritt für Schritt neuen Nutzungen zugeführt – von Coworking über Kultur bis hin zu öffentlichen Dienstleistungen. Entscheidend ist dabei der Rollenwechsel der Gemeinde: weg vom reinen Verwalten, hin zum Ermöglichen. Partizipation wird nicht als einzelner Workshop verstanden, sondern als dauerhafte Haltung.

Infrastruktur als Teil der Ortsentwicklung

Reto Bieli von den SBB ergänzt diese kommunale Perspektive um die Sicht eines Infrastrukturbetreibers. Bahnhöfe und deren Gebäude und öffentlichen Räume sind Identitätsträger und häufig einer der wichtigsten Orte der Grundversorgung.
Besonders eindrücklich ist seine Erweiterung der klassischen Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Neben der betriebswirtschaftlichen Projektrendite braucht es eine «Dorfrendite»: den langfristigen Mehrwert für eine Gemeinde durch attraktive öffentliche Räume, gute Erreichbarkeit und lebendige Zentren. Diese Qualitäten entstehen nicht automatisch durch den Markt, sondern erfordern Koordination zwischen vielen Akteuren sowie ein gemeinsames Verständnis von Baukultur als räumliches Gesamtsystem. Beispiele aus Erstfeld, Güttingen oder Ambri-Piotta zeigen, wie historische Bahnhofsgebäude durch neue Nutzungen weiterhin eine wichtige Rolle für die lokale Grundversorgung übernehmen können.

Forschung zeigt gemeinsame Erfolgsfaktoren

Die anschliessenden Präsentationen der Forschungsgruppen führen die Erkenntnisse aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zusammen.
Die Analyse von über 30 internationalen Best-Practice-Beispiele aus fünf Ländern zeigt deutlich, dass erfolgreiche Projekte kaum auf standardisierte Lösungen setzen. Stattdessen entstehen ortsspezifische Kombinationen aus Erhalt, Umnutzung, Ergänzung oder punktuellem Neubau.
Besonders auffällig ist, dass fast alle erfolgreichen Projekte mehrere Funktionen miteinander verbinden. Versorgung, Kultur, Begegnung, Bildung oder Arbeiten finden häufig unter einem Dach statt.
Ein zentrales räumliches Muster ist die Entstehung grosszügiger, flexibel nutzbarer Gemeinschaftsräume. Rund zwei Drittel der untersuchten Projekte verfügen über Mehrzweckräume oder vergleichbare gemeinschaftliche Orte. Ebenso wichtig ist die Kombination unterschiedlicher Nutzungen innerhalb bestehender Gebäude. Baukultur bedeutet hier nicht allein den Erhalt historischer Bausubstanz, sondern deren Weiterentwicklung für heutige Bedürfnisse.

Gute Governance entscheidet über den Erfolg

In Ergänzung der räumlichen Perspektive zeigt eine Governance-Analyse ausgewählter Schweizer Fallstudie welche organisatorischen und institutionellen Voraussetzungen erfolgreiche Projekte benötigen.
Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. In den Interviews der Governance-Analyse nennen die Interviewpartner besonders häufig engagierte «Kümmerer» und Fürsprecher, unterstützende Gemeindebehörden, partizipative Prozesse, transparente Kommunikation, eine Balance zwischen Denkmalschutz und Funktionalität, die Kombination verschiedener Nutzungen sowie starken sozialen Zusammenhalt.
Ebenso deutlich werden die Herausforderungen: Finanzierung, Zielkonflikte zwischen Schutz und Nutzung, fehlende personelle Ressourcen sowie eine unzureichende Einbindung zukünftiger Nutzerinnen und Nutzer erschweren viele Projekte. Daraus leitet das Forschungsteam eine zentrale Schlussfolgerung ab: Baukultur und Grundversorgung stärken sich gegenseitig – vorausgesetzt, gute Governance schafft tragfähige organisatorische und finanzielle Lösungen.

Von der Forschung in die Umsetzung

Ein besonderer Meilenstein der Veranstaltung ist der Übergang von der Analyse zum Handeln. Aus dem schweizweit durchgeführten Calls werden zwei Gemeinden ausgewählt, die nun durch das COBASI-Team in einem Co-Kreations-Prozess begleitet werden, um sie mit dem erworbenen Wissen zu unterstützen.
In Büron (LU) steht die historische Braui im Mittelpunkt. Gemeinsam mit Bevölkerung, Gemeinde und weiteren Akteuren sollen neue Nutzungen entwickelt werden, die Grundversorgung, Begegnung und Identität im Dorfzentrum stärken.
Im Bezirk Schwende-Rüte (AI) werden Bahnhof und angrenzende Areale zu einem neuen Dorfzentrum entwickelt. Dabei soll insbesondere der öffentliche Raum als verbindendes Element zwischen Mobilität, Baukultur und Grundversorgung gestärkt werden.
Der begleitete Co-Kreations-Prozess verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Erfahrungen lokaler Akteure. Ziel ist nicht die Entwicklung einer universellen Lösung, sondern übertragbarer Methoden und Prozesse, die auch andere Gemeinden nutzen können.

Ein Netzwerk für die Zeit nach dem Forschungsprojekt

Damit die Erkenntnisse nicht mit dem Projektabschluss enden, wird schon zur Halbzeit des Projekts das COBASI Praxisnetzwerk gegründet. Das Netzwerk bringt Gemeinden, Infrastrukturbetreiber, Planungsbüros, Forschung und weitere Praxisakteure dauerhaft zusammen. Herzstück sind regelmässige Besuche vor Ort, bei denen erfolgreiche Projekte gemeinsam analysiert und Erfahrungen ausgetauscht werden. Damit wird Wissen nicht nur dokumentiert, sondern kontinuierlich weiterentwickelt und unmittelbar in die Praxis zurückgespielt.

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